Ein ganz wunderbares Gefühl

27. Oktober 2022

Seit über 10 Jahren sind Cathérine Wegener und Mandy Schmidt gemeinsam in Quedlinburgs Stadtentwicklung engagiert und zugleich in Stadt und Region tief verwurzelt. Mit „Brauns Quartier“ haben sie sich nun einen Lebenstraum erfüllt.

Mandy Schmidt und Cathérine Wegener

„Am Anfang stand ein Glas Rotwein“ gesteht Cathérine (Cathi) Wegener etwas verlegen und Mandy Schmidt ergänzt schmunzelnd „ein Glas Rotwein zu viel“. Das anschließende Lachen der Frauen perlt fröhlich durch den Raum und ist Echo ihrer Vertrautheit. Von beruflicher Bekanntschaft zu gemeinsamer beruflicher Existenz – was 2012 im Februar bei einem Skiurlaub als weinseliges Gedankenspiel begann, mündete im August in gemeinsame Arbeit. Schon hier deutet sich an: Was die beiden anpacken, hat Hand und Fuß und wird mit Fantasie und einer gehörigen Portion sanfter Hartnäckigkeit umgesetzt. 

 

Die studierte Immobilienfachwirtin Cathi Wegener lernte in über 20 Jahren bei einer Quedlinburger Wohnungsgesellschaft alle Facetten ihrer Branche kennen. Mandy Schmidt schloss 1998 in Dessau am Bauhaus ihr Architekturstudium ab und war dann über 14 Jahre als angestellte Architektin in Quedlinburg tätig. Hier kamen beide nicht nur beruflich in Kontakt. Als sie 2012 den Schritt in eine gemeinsame Selbstständigkeit wagten, waren sie nicht nur mit der Stadt Quedlinburg bestens vertraut, sie hatten zudem ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut. „Es gibt selten eine berufliche Frage, die wir mit Freunden und Kollegen nicht in kürzester Zeit beantworten können“ gibt Mandy Schmidt zu Protokoll und Cathi Wegener ergänzt: „Beruflich sammelten wir beide über Jahre in Quedlinburg vielfältige Erfahrungen, saßen also bereits fest im Sattel. Darüber hinaus ermutigte uns der damals boomende Immobilienmarkt zu dem Schritt in die Selbstständigkeit.“ 

 

Selbstständigkeit bedeutet für die beiden Mütter vor allem Selbstbestimmung. „Natürlich muss die Arbeit getan werden. Aber wir bestimmen wann, wo und wie. So können wir Beruf und Familie – Cathi Wegener ist verheiratet und beide haben jeweils zwei Teeny-Söhne – besser in Einklang bringen.“    

 

Da Immobilienwirtschaft und Architektur sehr oft ineinandergreifen, es viele Berührungspunkte gibt, entschieden sie sich ganz bewusst für ein gemeinsames Büro, obwohl sie mit der Wohnagentur „fachwerk“ und dem Architekturbüro „bauwerk“ streng genommen zwei getrennte Firmen betreiben. Mit gegenüberstehenden Schreibtischen, die mittlerweile in der Stadtvilla Bahnhofstraße 7 ihren Platz gefunden haben, sind gedanklich sehr kurze Wege möglich. „Unser Arbeitstag ist praktisch ein permanentes brainstorming“ sagt die Architektin und ergänzt: „Die Gedanken und Ideen springen von Tisch zu Tisch.“ Davon profitieren auch die Kunden der jeweils anderen. Beide machten es sich zur Regel, jeweils ab Freitagmittag das Tagesgeschäft ruhen zu lassen, um nach dem Motto „Was wäre, wenn?“ gedanklich auf eine virtuelle Reise durch die Stadt zu gehen, um spielerisch Projekte zu entwickeln. 

 

So empfinden Cathi Wegener und Mandy Schmidt ihre Arbeit in und um Quedlinburg nicht als bloßen Job zum Gelderwerb. Mit viel Herzblut und Lokalpatriotismus wollen sie Quedlinburg zu einer modernen, lebenswerten Stadt entwickeln. Zuweilen übersteigt da der Aufwand den finanziellen Nutzen. So etwa beim Kirchturm für die bisher turmlose katholische Kirche der Stadt. Stolz erfüllte Mandy Schmidt, als der Turm schließlich nach vielen Mühen auf das Dach der Kirche schwebte. Der tägliche Blick auf die komplettierte Skyline der Stadt und jeder einzelne Glockenschlag sind schönster Lohn, schaffen ein positives Gefühl und eine tiefe Verbundenheit mit der Stadt. Am Ende spendete Mandy Schmidt alle Aufwendungen. „Wir machen auch Sachen, mit denen kein Geld zu verdienen ist, die uns aber am Herzen liegen“ resümiert sie. 

 

Aber das Engagement der Beiden geht weit über rein Berufliches hinaus. „Quedlinburg hat mehr zu bieten als Fachwerk und Kunst. Auch kulturelle und sportliche Veranstaltungen sind wichtige Standortfaktoren“ weiß Cathi Wegener. So ist die begeisterte Ausdauersportlerin z.B. mit ihrer Firma von Beginn an als Sponsor und persönlich als aktive Teilnehmerin bei der „Hölle von Q“, einem speziell auf Quedlinburg und das Harzvorland zugeschnittenen Triathlon, engagiert. 

 

So haben sie sich in der Stadt über die Jahre einen positiven Ruf erarbeitet. Aber es gibt natürlich auch Projekte, bei denen lokalpatriotisches Engagement und finanzieller Ertrag Hand in Hand gehen – zum Beispiel bei „Brauns Quartier“. Zunächst spielte der Zufall eine Rolle. Die Maklerin war mit dem Verkauf von „Brauns Villa“ beauftragt, die direkt neben dem einstigen Fabrikgelände liegt. Hier kam sie mit dem damaligen Eigner des Fabrikgeländes in Kontakt, der ihr spontan die Verkaufsabwicklung des Geländes anbot. 

 

Jetzt wendet sich das freitägliche Brainstorming in eine ganz neue Richtung. Zunächst müssen 29 Seiten Grundbucheinträge gesichtet, bewertet und vor allem rechtliche sowie finanzielle Fragen und Konsequenzen geklärt werden. Genauso wichtig ist aber auch die Frage, wer die Kernkompetenz und Manpower hat, 13.000 qm Industrie-Ruine zu recyceln und neu zu bebauen. 

 

Und schnell wird klar, dass es nicht beim reinen Grundstücksverkauf bleiben kann. Die Industriebrache schreit nach einem städtebaulichen Projekt, dass den beiden von nun an nicht nur an zahlreichen Freitagnachmittagen durch die Köpfe geistert. „So eine Chance zur positiven Einflussnahme auf die bauliche Entwicklung der Heimatstadt, die bekommt man, wenn überhaupt, nur einmal im Leben.“ Sie gehen das Projekt völlig unvoreingenommen an, lassen alle bisher gescheiterten Versuche unbeachtet, lösen ein Problem nach dem anderen und tasten sich so voran. 

 

Zunächst ging es nur um das Gelände, um die mit Altlasten behaftete ehemalige Farbenfabrik. Der Chemiestandort war durch mehrfache Brandstiftung und Vandalismus verwahrlost und stand nicht im besten Ruf. Im näheren Umfeld kam für ein derart komplexes Projekt, bei dem Altlastensanierung, Flächenrevitalisierung, Recycling, Sanierung und Neubau Hand in Hand gehen mussten, nur die Thalenser Firma RST Recycling und Sanierung Thale GmbH in Frage. Und deren Geschäftsführer Wolfgang Finck war sofort interessiert und bald im Boot. 

 

Hinzu kam noch das bisher unbekannte Thema Industriedenkmal. Hier übernahm Mandy Schmidt die Kommunikation mit oberer und unterer Denkmalschutzbehörde. Es schälte sich rasch heraus, dass ein kompletter Abriss und Neubau des Areals nicht in Frage kamen, sondern das über die Bewahrung und bauliche Neuinterpretation historischer, zentrumsnaher Bausubstanz identitätsstiftende, städtebauliche Elemente erhalten bleiben sollten. Ein grobes Nutzungskonzept, noch ohne konkreten Bebauungsplan, wurde entwickelt und allen beteiligten kommunalen Akteuren vorgestellt.  

 

Einige Vororttermine später – ein solches Projekt ist nicht vom Schreibtisch aus zu klären – fanden sich nach und nach für alle Probleme Lösungen. Als schließlich durch die Stadt auch der Flächennutzungsplan angepasst wurde, erwarb RST Recycling und Sanierung Thale GmbH die Immobilie und konkrete Bebauungsplanungen begannen, die auf Marktanalysen aus dem Hause fachwerk aufsetzten. Rasch kamen weitere Architektur- und Planungsbüros ins Boot und „Brauns Quartier“ nahm Gestalt an. 

 

„Brauns Quartier“ ist noch nicht vollendet. Mandy Schmidt betreut federführend die Integration der historischen Bausubstanz (u.a. Kontor- und Laborgebäude) und Cathi Wegener sorgt für Verkauf/Vermietung der Wohnungen. Gerade das Bauen in Bauabschnitten bot immer wieder die Möglichkeit, auf den Markt zu reagieren. Gab es am Anfang noch eine gewisse Skepsis der Interessenten, läuft die Vermarktung jetzt nahezu reibungslos. Natürlich haben beide für alle Belange von „Brauns Quartier“ stets offene Ohren und Augen, sind gefragte Ratgeber. 

 

Cathérine Wegener und Mandy Schmidt bilanzieren: „Wenn wir irgendwann einmal die Bücher zu „Brauns Quartier“ schließen, dann waren wir als kleine, aber bestens in der Region verankerte Planungs- und Architekturbüros nicht nur die Initialzündung, sondern auch dauerhafter Teil einer Gemeinschaft, die etwas ganz Besonderes für die Stadt und Ihre Bewohner geschaffen hat – und das ist ein ganz wunderbares Gefühl.“ 

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