Wilhelm Brauns Vermächtnis

20.04.2023

2004 schlossen sich letztmalig die Tore des einstigen, europaweit bedeutenden Standortes für Farbenherstellung in Quedlinburg. Stolze 130 Jahre Quedlinburger Industriegeschichte fanden in den Wirren der Wiedervereinigung ein klägliches, vom Verfall des Firmengeländes gefolgtes Ende. Aber der schöpferische Geist, das Vermächtnis des Firmengründers Wilhelm Brauns lebt fort – in Brauns Quartier, aber auch in zeitgenössischen Unternehmungen und Produkten.

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Historische Werbeanzeige (Quelle: TU Braunschweig)

Bauliche Situation um 1894. Fabrikations- und Verwaltungsgebäude sowie ein Gewächshaus sind errichtet. Der nordwestliche Geländebereich ist noch unbebaut. (Quelle:ArchivW.Liebusch)

Alles hatte 1874 so hoffnungsvoll begonnen. Auf der Basis der Arbeiten des britischen Chemikers William Henry Perkin, der 1856 eine revolutionäre Methode zur Herstellung synthetischer Farben – sogenannter Anilinfarben – veröffentlichte, baute der Apotheker Wilhelm Brauns, zunächst in Brome bei Gifhorn und ab 1874 in Quedlinburg am Harzweg eine Produktionsstätte für Anilinfarben auf. Der Bedarf an Textilfarben war gewaltig. Dank des technischen und kaufmännischen Weitblicks Wilhelm Brauns entwickelte sich die Anilin-Farbenfabrik Wilhelm Brauns rasch zu einem prosperierenden, europaweit tätigen Unternehmen. Das war auch einer fast atemberaubenden Erweiterung der Produktpallette zu danken. Zu den anfänglichen Stoff-Farben kamen Färbemittel für Leder, Kerzen, Bohnermassen, Holz und Seife, ja sogar für Moose, Gräser und Blumen hinzu. Auch Nahrungs- und Genussmittel wie Butter, Käse, Säfte und Liköre bekamen mit Farben aus dem Hause Brauns einen besonders appetitlichen Glanz.

Die Produktionsstätten in Quedlinburg wurden ständig erweitert. Erfolgte der Vertrieb zunächst über Apotheken und Drogerien, profilierte sich das Unternehmen zunehmend als Lieferant für die Industrie. Europaweit wurden Filialen und Tochtergesellschaften errichtet, so in Amsterdam, Mailand, Warschau oder Zürich. Geliefert wurde in über dreißig Länder. Mit Imprägnierungsmitteln, Fleckentfernern und Entfärbern wurde das Portfolie nochmals erweitert. Um 1920 waren etwa 370 Menschen beschäftigt und bereits eine Dekade später errichteten die Nachfahren des Firmengründers Wilhelm Brauns, der 1914 gestorben war, einen zweiten Quedlinburger Produktionsstandort. Alles in allem eine Gründerzeit-Erfolgsgeschichte wie aus dem Lehrbuch.

Das Ende des zweiten Weltkriegs bedeutete auch für die Quedlinburger Farbenfabrik einen harten Einschnitt. Die Quedlinburger Produktionsstandorte waren weitestgehend intakt. Allerdings setzten die Brauns wenig Vertrauen in die russische Besatzungsmacht und gründeten in München, die Wilbra Chemie, die 1952 nach Bad Aiblingen umzog (Wilhem Brauns). Die Produktion in Quedlinburg lief weiter, wurde aber nach und nach verstaatlicht, bis es 1972 zur Gründung der VEB Farb-Chemie Quedlinburg kam. Die Herstellung von Holzbeizen und Klebstoffen bestimmte zunehmend die Produktion.

Auch die bayrische Neugründung musste sich neuen Marktgegebenheiten anpassen, da das Färben, zumindest in privaten Haushalten, zunehmend in den Hintergrund trat. So sind die bundesdeutschen Wirtschaftswunderjahre nicht einfach. 1969 fusionierte man schließlich mit der Warburger Firma „Gebr. Heitmann Farben- und chemische Fabriken“. Zwei Traditionsunternehmen der Branche bündeln als „Brauns-Heitmann GmbH & Co. KG“ ihre Kräfte, um den Herausforderungen des Marktes zur widerstehen. Mit saisonalen Dekoartikeln, Produkten zur Wäsche- und Haushaltspflege sowie klassischen Eierfarben werden umsatzstarke Standbeine etabliert, die 1974 den Neubau moderner Produktionsanlagen zugleich erfordern und ermöglichen. 1977 kann mit der ersten kochfesten Textilfarbe aus dem haue Brauns-Heitmann eine weitere Innovation erfolgreich am Markt etabliert werden.

Während sich die bundesdeutsche Linie, dicht am Puls der Zeit, mit Innovationen auszeichnet und bewährt, leiden die Quedlinburger unter realsozialistischer Mangelwirtschaft und haben immer wieder Mühe, die Produktion am Laufen zu halten. Mit der deutschen Wiedervereinigung geht leider keine Wiedervereinigung der beiden Firmenlinien einher. Da Reprivatisierungsbemühungen zunächst scheiterten, wurde die durch die Treuhand gegründete Wilbra-Chemie GmbH 1993 an Brauns Erben rückübertragen. Eine Integration in das Unternehmen Brauns-Heitmann erfolgte allerdings nicht.

Die Quedlinburger Wilbra-Chemie GmbH war von Beginn an zum Scheitern verurteilt, da aus eigener Kraft eine Kompensation des immensen Vorsprungs der bundesdeutschen Konkurrenz unmöglich aufzuholen war. Das Ende der Quedlinburger Geschichte ist bekannt. Während Brauns-Heitmann weiter expandiert, wurde der Quedlinburg Standort auf Verschleiß gefahren, bis sich 2004 die Fabriktore letztmalig schlossen.

Nach einem langjährigen Dornröschenschlaf wurde und wird das alte, z.T. denkmalsgeschützte Fabrikareal unter Beibehaltung wesentlicher architektonischer Elemente mit einem modernen Wohngebiet – Brauns Quartier – neu belebt. Das Vermächtnis Wilhelm Brauns lebt in der aktuellen Quedlinburger Architekturgeschichte fort.

Und wenn Sie demnächst zu Ostern Eier färben, lohnt sich vielleicht ein Gedanke an Wilhelm Brauns, der vor gut 150 Jahren in Quedlinburg auch die Grundlagen für ein buntes Ostern schuf.

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